Beelitz-Heilstätten – Wie man den Lost Place aus der Vogelperspektive erkundet

Ein Besuch der Beelitz-Heilstätten steht schon richtig lange auf meiner Bucket-Travellist.

Nachdem ich auf der Autobahn unzählige Male an der recht bekannten Abfahrt vorbeigedüst bin, habe ich irgendwann mal die Suchmaschine angeschmissen. Die spuckte mir allerlei Informationen und noch mehr Gruselgeschichten zu den Beelitz-Heilstätten aus. Geistererscheinungen, Verbrechen, nächtliche Schreie. Dazu jede Menge Bilder von halb zerfallenen Zimmern und Sälen mit rostigen Bettgestellen und medizinischen Behandlungsstühlen darin. Auf gruselige Art schön.

Meine Google-Suche liegt nun bereits ein paar Jahre zurück. Doch mein Wunsch, mich vom Grusel  und morbiden Zauber persönlich vor Ort zu überzeugen, hat nicht abgenommen.

Am ersten August-Wochenende diesen Jahres begebe ich mich endlich auf die ersehnte Abenteuertour. Zimmer gebucht, Auto angemietet und für einen der Anbieter von geführten Touren durch die Heilstätten entschieden. Los geht’s!

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Die Beelitz-Heilstätten

Die Beelitz-Heilstätten zählen zu den sogenannten Lost Places: in Vergessenheit geratene Orte.
Zwischen 1898 und 1930 auf Initiative der Landesversicherungsanstalt Berlin erbaut, erstrecken sich die Heilstätten über eine Fläche von etwa 200 Hektar.  Damals grassierte in der Hauptstadt die Tuberkulose. Die Menschen, vorrangig jene aus der Arbeiterschicht, lebten auf engstem Raum unter äußerst unhygienischen Bedingungen zusammen. So konnte sich diese, auch Schwindsucht genannte Krankheit, massiv ausbreiten. Eine Medizin dagegen gab es nicht und so starben unzählige Menschen einen qualvollen Tod.

Mit der Beelitzer Lungenheilanstalt wurde ein Ort erschaffen, an welchem die kranken Arbeiterinnen und Arbeiten wieder genesen sollten.  Es war der bis dato modernste Sanatoriums-Bau mit allen erdenklichen medizinischen und technischen Ausstattungen. Von der autarken Funktionsweise der Heilstätten zeugen beispielsweise das Heizkraftwerk, die Kochküche und die Waschküche.

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Eine Bahnlinie teilt das Gelände in zwei Bereiche: einen Männer- und einen Frauenbereich. Die lungenkranken Patienten wurden damals selbstverständlich nach Geschlechtern getrennt. 
Meine Tour führt mich durch das Gelände und die Gebäude der Frauenseite.

Von den ehemals 60 Gebäuden steht nur noch ein kleiner Teil, welcher ausschließlich mit geführten Touren besichtigt werden kann. Grundsätzlich ist das Gelände der Beelitz-Heilstätten tagsüber frei zugänglich. Man kann herrlich durch die riesige Parkanlage spazieren und dabei die historischen Ruinen bestaunen.

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Wie man den Lost Place aus der Vogelperspektive erkundet

Für mein erstes Mal Beelitz-Heilstätten habe ich mich für eine Führung mit Baum & Zeit entschieden.
Baum & Zeit ist ein Erlebnis-Gelände inmitten der ehemaligen Lungenheilanstalt mit einem Baumkronenpfad sowie einem Barfußpark.

Der barrierefreie Baumkronenpfad schlängelt sich durch die Baumwipfel über die historischen Gebäude hinweg und sorgt mit eingebauten Raffinessen wie einem begehbaren Netz, durchsichtiger Gangway oder metallenen Kletterröhren für den besonderen Nervenkitzel. Wobei ich nicht jede dieser Raffinessen ausprobiere. Ich bin ja schließlich zum Gruseln, nicht zum Höhentraining hier.

Während sich mir vom Baumkronenpfad aus bereits ein einzigartiger Blick über das gesamte Gelände und die in den Bäumen und Sträuchern versteckt liegenden Gebäude eröffnet, wird die Aussicht vom Turm erst richtig spektakulär. Aus 36 Metern Höhe blicke ich aus der Vogelperspektive auf die Heilstätten. In der Ferne erkenne ich sogar den Berliner Fernsehturm!

Das ist spektakulär und für mich als Höhen-Angsthase eine absolut beeindruckende Erfahrung. Ich kann mir vorstellen, daß dieser Ausblick im Herbst noch um einiges faszinierender ist, wenn die Blätter der 65 verschiedenen Baum-Arten des Parks sich kunterbunt färben.

Nach einer kurzen Eiskaffee-Pause (es ist knallheiß an diesem Samstag), den Bäumen nun allerdings zu Füßen, ist es endlich Zeit für meine gebuchten Führungen durch die alte Chirurgie und das Alpenhaus.

Ob es jetzt gruselig wird?

Durch die alte Chirurgie

Bei beiden Führungen erfährt man jede Menge über den Lebensalltag der Lungenpatienten und die Funktionsweise der Heilstätten. Die Guides erzählen auf unterhaltsame Weise von der wechselhaften Nutzungsgeschichte der Heilstätten. Frag‘ ihnen Löcher in den Bauch! Sie sind meist über Jahre eng mit den Heilstätten verbunden und können somit auch herrliche Anekdoten von obskuren Geisterjägern, obszönen Filmdrehs und illegalen Parties zum Besten geben.
Ebenso zu den geplanten Umgestaltungen, Rekonstruktionen und Revitalisierungsarbeiten der Gebäude sowie des gesamten Geländes erhält man Informationen.

Zeitmaschine Alpenhaus

Wäre es nur der Zahn der Zeit, der an den Gebäuden genagt hätte – sie hätten mit Sicherheit heute noch den leicht morbiden Charakter, der Lost Places dieses Art anhaftet.
Doch vor allem blinder Vandalismus und illegale Nutzung hat den architektonisch äußerst reizvollen und charmanten Bauten eben dies genommen. Unter Schutt und Abbruchmaterial lässt sich teilweise nur noch schwer die imposante und gleichwohl ästhetische Schönheit der Architektur erkennen. Das ist absolut schade und auch kein bisschen gruselig.

Dennoch geben die Gebäude genügend Anlass, den Verfall mit der Kameralinse einzufangen. Ich betrachte die Wände und Ecken eingehender und entdecke kleine Besonderheiten, die mir mit bloßem Auge womöglich entgangen wären. Der enge Blick durch meine Kamera lässt mich eins werden mit diesem Ort. Ich kann mich einfühlen in seine Historie und schließlich darauf einlassen.

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Auf jeden Fall komme ich zurück zu den Beelitz-Heilstätten. Dann jedoch erkunde ich den Bereich mit den Gebäuden auf der Männerseite. Diese scheinen, Fotos im Netz nach zu urteilen, etwas besser und originaler erhalten zu sein als die Gebäude, welche wir auf der Frauenseite besichtigt haben.


 

Weiterführende Informationen:

  • Eintrittspreise und Öffnungszeiten Baum & Zeit: Baumkronenpfad 
  • Buchung der Gebäudetouren über Baum & Zeit: Durch die alte Chirurgie und Zeitmaschine Alpenhaus
  • Die Buchung einer Tour erfolgt zusätzlich zur Zahlung des Eintrittspreises für den Baumkronenpfad.
  • Bitte beachte: bei allen Touren besteht Helmpflicht; nicht alle Touren sind barrierefrei.
  • Auf dem Gelände von Baum & Zeit gibt es Toiletten und natürlich auch kulinarische Versorgung.
  • Gut schlafen und frühstücken in Beelitz: Hotel Stadt Beelitz
  • Gut essen in Beelitz: Zur alten Brauerei

Fotos: Katja Zielinski und ale-kiwi-mania

(Alle Verlinkungen ohne Gewähr.)

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