Gedicht der Woche: Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Ricarda Huch

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

frauzett-Himmel-Sonnenuntergang

„Nicht alle Schmerzen sind heilbar“?
Seelische Verwundungen, unabhängig von ihrer Größe, ihrem Ausmaß brauchen oft sehr viel Zeit, um vollständig zu heilen. Mancher Heilungsprozess kann ein Leben lang andauern. Doch aus Überzeugung sage ich: es lohnt sich, sich dem Schmerz, der Verletzung zu stellen. Ich bin für die Gesundung meiner Seele selbst verantwortlich. Mein Seelenheil liegt in meinen Händen.

Mich um die Gesundheit meiner Seele zu kümmern, war und bleibt ein fortwährender Lernprozess. Was mir heute gut tut, kann morgen schon eine Luftnummer sein. Sich von Zeit zu Zeit selbst zu befragen, was einem (noch) wichtig ist im Leben, welche Dinge (weiterhin) Bestand haben- auch das ist Seelen-Arbeit.

Manche Wunden hinterlassen Narben auf meiner Seele. Das ist in Ordnung. Narben verblassen. Und auch über Narben kann wieder Gras wachsen. Oder „ein Blütenmeer“.
Alle Schmerzen sind heilbar.

 

Quelle:

JENTZSCH, Bernd (Hrsg.): Das Wort Mensch. Ein Bild vom Menschen in deutschsprachigen Gedichten aus drei Jahrhunderten. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Bernd Jentzsch. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 1972, S. 293

Fotos:

Martin Fobe / ale-kiwi-mania

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