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Das Meer in mir – Mein Ostsee-Sommermärchen

Sommer 2020.
Das Meer in mir drohte auszutrocknen.

„Das böse C“ hing monatelang als nicht greifbare Bedrohung in der Luft. Ausgelaugt von Hausstaub, Hygienevorschriften und Verdienstausfallberechnungen brauchte ich dringend eine Auszeit von der andauernden heimischen Reizüberflutung.

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Ich sehnte mich nach körperlichem Nichtstun, nach Wind, der durch meinen Kopf pustet und nach Sonne, die meine Haare bleicht. Ich sehnte mich nach Meer.

Jedoch: seit „das böse C“ das gesellschaftliche Kommando übernommen hatte, war der Sommerurlaub am Meer nicht nur in weite Ferne gerückt. Er war zeitweise behördlich untersagt.

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Ich war am Meer!

An der Ostsee, die eigentlich kein richtiges Meer ist, aber des Ostdeutschen heiliger Urlaubs-Gral. Wenn wir nichts hatten- die Ostsee war unser verläßliches Stück fingierter Freiheit mit Karibik-Feeling.
Und die Ostsee war mein Rettungsschirm in diesem Sommer. Diese eine Woche im August ist mein wahr gewordenes Ostsee-Sommermärchen.

Das Entkleiden der Seele

Am Meer fallen die Hüllen. Das Entkleiden des Körpers ist gleichzeitig das Entkleiden der Seele.
Ich will nackt sein um meiner selbst willen. Kein Raum für Scham und Unbehagen.

Unter den Liebkosungen der Sonnenstrahlen entspannen sich meine Muskeln. Mein Körper wird warm und weich und meine Bewegungen werden katzenhaft. Ich spüre mich ganz und gar.

Das Meer ruft

Das Meer betört, das Meer tötet, es ist anrührend und beängstigend, manchmal ist es zum Lachen, manchmal verschwindet es, und andere Male trägt es die Maske eines Sees, oder es baut Stürme, verschlingt Schiffe, verschenkt Reichtümer, gibt keine Antworten, es ist weise, es ist sanft, es ist mächtig und unberechenbar. Vor allem aber: Das Meer ruft. (…) Es hört nie auf, dringt in dich ein, es haftet an dir, es will dich.“

Ein Ereignis in meiner Kindheit hat den Grundstein gelegt für meine Meerliebe und Meersehnsucht.

Ich bin fünf oder sechs Jahre alt und stehe neben meinem Vater am Strand. Vor mir eine Unendlichkeit von Wasser. Ganz weit hinten auf der Linie zwischen Wasser und Himmel fahren Schiffe.
Plötzlich ist eines dieser Schiffe von der Bildfläche verschwunden und ich frage meinen Vater, wo es hin ist. In meiner kindlichen Vorstellung ist das Schiff runtergefallen von der Linie. Es ist also weg. Den Erklärungen meines Vaters über Horizont und Erdenrund kann ich nicht folgen, so sehr ich mein kleines Gehirn auch anstrenge.
Fassungslos verfolge ich, wie nach und nach alle Schiffe einfach von der Bildfläche verschwinden. Die plumpsen da hinten runter, denke ich an der Wasserkante stehend und begreife nicht.

Der überwältigende Anblick des Meeres nimmt mich vollkommen ein. Die unendliche Weite, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sehe, spüre ich auch in meinem Körper. Da ist etwas Gewaltiges und Großes in mir –

Da ist ein Meer in mir.

Dieser Moment der Faszination, absolut in seiner kindlichen Reinheit, hat sich eingebrannt in meine Erinnerung. Und ich bin mir sicher, daß von da an das Meer mir eine Sehnsucht eingepflanzt hat.

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Quelle Textauszug:

BARICCO, Alessandro: Oceano Mare. Das Märchen vom Wesen des Meeres. Piper München Zürich, Ungekürzte Taschenbuchausgabe, 6. Auflage April 2004, S. 101, Copyright der deutschsprachigen Ausgabe: 2000 Piper Verlag GmbH, München


Das i-Tüpfelchen auf meinem Ostsee-Sommermärchen: das Café Glücklich in Wismar. Eine Café-Empfehlung von Herzen.
Fürs Frühstück am Wochenende unbedingt vorher reservieren.

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